Dienstag, Oktober 02, 2007

Jesusfreaks: Zwischen Fundamentalismus und theologischer Pluralität

Marcus Beiswanger in seiner Diplomarbeit zum sozialen Kapital der Jesusfreaks Bewegung und Serena Hänsel in ihrem aktuellen P3 Praktikumsbericht ihres Studiums an der EFHD kommen zu einem interessanten Schluß bezüglich der Jesusfreaks- Bewegung:
Die Jesusfreaks, so beide in Übereinstimmung, schwankten zwischen Fundamentalismus und theologischer Pluralität.
Eigentlich ist das ein krasses Dillemma: Denn beides schließt sich eigentlich aus. Die Jesusfreaks Bewegung scheint hier in einer sehr heftigen, dauerhaften Paradoxie zu leben. Einerseits verfolgt sie den Anspruch der "einen, absoluten Wahrheit" und ist sehr biblizistisch orientiert, andererseits steht sie für theologische Vielfalt. Diese theologische Vielfalt, so meine Beobachtung, lebt die Bewegung jedoch nicht aus theologischer oder philosophischer Überzeugung, denn mehr aus einer Notwendigkeit heraus. Über die letzten 15 Jahre haben sich so viele verschiedene Leute innerhalb der Bewegung gesammelt, dass es schlicht und ergreifend nicht möglich ist, ein gemeinsames Theologisches System zu entwerfen. Die LeiterInnen und Führungskräfte der Bewegung sind von verschiedensten Theologischen Richtungen und Mentoren geprägt worden, dass eine theologische Pluralität in der Jesusfreaks Bewegung einfach nunmal Fakt ist.
Ein weiterer Punkt ist der hohe Anspruch der Bewegung im Bereich des gemeinschaftlichen Lebens. Wir als Jesusfreaks nehmen eher hin, dass jemand völlig anderer theologischer Ansicht ist, als dass wir uns von ihm trennen. Auf dem Konzil wurde es in einem Wrkshop folgendermaßen definiert: "Das Jesus Freaks Gen ist, dass wir jederzeit auseinanderbrechen könnten, es aber nicht tun." Unsere gemeinschaft die wir leben scheint so auf uns gegenseitig bezogen zu sein, dass wir unterschiedlichste Konflikte und theologische Divergenzen aushalten, solange wir nur zusammenbleiben.
Insofern sehe ich kein Ende in Sicht, in bezug auf diese Paradoxie. Als Organisationsentwickler hoffe ich, dass diese Paradoxie einen Lernprozess auslöst, der uns gemeinsam weitergehen lässt. Paradoxien haben das Potenzial für eine Neuentwicklung und Neuausrichtung.
Im Kontext der Diskussion um die Postmoderne und deren Herausforderung fällt auf, dass die Reaktionen auf diese gesellschaftliche und philosophische Entwicklung genau im Spannungsfeld der eben beschriebenen Paradoxie liegen: Rückfall in konservative Vereinfachung (Fundamentalismus) oder völlige Beliebigkeit (theologische Pluralität).
Da die Jesusfreaks die eben genannte Paradoxie auch weiterhin auszuhalten scheinen, bleibt interessant, ob wir einen neuen Weg finden mit dieser Herausforderung umzugehen. Einen Weg zwischen Fundamentalismus und völlige Liberalität. Vielleicht ist das der im Vorfeld des Konzils so genannte 4. Weg ...

7 Kommentare:

Mike hat gesagt…

Josha, schön wieder von dir zu lesen!!

Danny hat gesagt…

Wow, Josha ist wieder da! Danke für dein Post, ist sehr spannend!

Ciao
Danny

denkpause hat gesagt…

Der 4. Weg ... ja.

Backhausbrot hat gesagt…

der 4.weg.jap!

björn s. - dillenburg

Micha hat gesagt…

Jawoll...

interessant.

Ich selber bewege mich zwischen"kackkonservativ" und "libertär". Und vermutlich wird das so bleiben.

Man könnts vielleicht mit dem Satz "mit Jesus durchs Leben stolpern" umschreiben,
denn
a) mensch ist fehlerhaft
b) Gott ist seltsam
und
c) das Leben ist immer anders als die Theorie.

(nein, das is kein multiple-choice ...)

HoSnoopy hat gesagt…

Hmm

Also ich sehe das Problem irgendwie für mich als JF kaum. Ich kann andere theologische Ansichten durchaus aushalten, ohne dabei "meine eigene" total zu hinterfragen. Gott sei Dank kann ich das mittlerweile. "An den Früchten werdet ihr erkennen...", steht in der Bibel doch irgendwo. Und an diesen Früchten fühle ich mich bisher sehr bestätigt. Das erfordert sehr oft einen langen Atem, also, eine lange Zeit, um gewisse Dinge "auszuhalten".
Manchmal denke ich, wir JF denken zu kompliziert, um aber auch alles auseinanderzudividieren (um sich irgendwie "abzusichern"?). Vielleicht ist das notwendig, vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht.
JF-dasein bedeutet für mich in erster Linie, mehr oder weniger stressigen Menschen Jesus zu zeigen, in der Hoffnung darauf, daß sie ihn finden und ihr Leben nach ihm ausrichten, und dabei ist es mir egal, ob sie dann "meiner Theologie" folgen, oder nicht, bzw. wie ähnlich wir uns theologisch sind, solange man es biblisch begründen kann und sie anfangen, einen Schrank anzubeten odersowas :). Das bedeutet unweigerlich, daß man eben Streß an der Backe hat. Wenn man es durchweg still, ruhig und "sicher" haben will, dann ist man, so denke ich, eben bei den JF am falschen Platz. Es passiert ja nicht ohne Grund, daß Leute durch die JF zum Glauben kommen und danach die Bewegung verlassen, um in andere Gemeinden zu gehen. Ich finde das durchaus okay, vielleicht ist das ein (großer?) Teil der Aufgabe der JF. Und ich bin froh über jeden, der sich für Jesus entscheidet, scheiß egal, zu welchem Verein er sich heute zählt ;-).
SofX

Fab$e hat gesagt…

Hey Josha.
Schön wieder von dir zu hören...

Zu deinem Text:
Mein erster Gedanke war: Umso schmerzlicher ist es zu erleben, das Leute wegen diesem "Problem" gehen. Das sie gehen, kommt mir so überhaupt nicht normal vor... Obwohl es schon immer "normal" war sich wegen unterschiedlicher Theologie zu trennen... Ich finde sie widersprechen dem unterbewusstem Codex, genau diesem Gen, wider ihrer Natur... Schade das wir uns mit manchen nicht mehr auseinandersetzen können und wir dadurch an Pluralität verlieren...